GEDICHTERBE

MUSIK UND IDEE VON AGF  

TEXT VON CHRISTINE LANG

AGF:
ich funktioniere selbst wie ein sample, nur eben mit sprache und worten

 

ASSEMBLAGE

Das Projekt GEDICHTERBE lässt sich in mehreren Traditionslinien verorten, es kann als literaturhistorisches, als in der Tradition der elektro-akustischen Avantgarde stehendes, zugleich populär club-musikalisches und nicht zuletzt als politisches und spezifisch feministisches Projekt begriffen werden. Diverse Bedeutungszusammenhänge verschränken sich hier: es geht um Sprache, Klang und Musik, aber auch um Geschichte, um welthaltige Bedeutungen und Neukontextualisierungen. Gedichterbe ist eine Art moderne, mediale Assemblage, in der kuratorische und ästhetische Intentionen und Deutungen aufeinander treffen und sich so miteinander verbinden.

GEDICHTERBE beschäftigt sich dabei mit vorwiegend deutscher Dichtung im Spiegel zeitgenössischer digitaler Kultur. Ausgewählte Gedichte werden neu vertont, stimmlich interpretiert und musikalisch eingebettet. Auch wenn es – um Henri Chopins2 Feststellung zu folgen – keine zwingend notwendige oder ausschließliche Verbindung zwischen Dichtung und Sprache zu geben scheint, somit auch keine von Dichtung und Musik, berühren sich Dichtung, Sprache und Musik, queren und vermählen sich, und können sich gegenseitig verwandeln.

Kann man die Lyrik von Frau Ava (1060-1127) rappen? Quio (*1971): Ja, man kann.

Das Projekt GEDICHTERBE steht vollkommen im Heute. Historische Texte werden mit heutiger, digitaler Sound- und Klangästhetik – sowohl stimmlich als auch musikalisch – konfrontiert und in einen neuen Zusammenhang gebracht. Zu hören ist die zeitgenössische Kompositions- und Studiotechnik, in der digitale und analoge Tonspuren übereinander gelagert werden, in der Referenzen zu Clubmusik und Rap gemacht werden, Texte de- beziehungsweise rekonstruiert zudem Sprache und Poesie mit elektronischer Musik kurzgeschlossen werden. Es handelt sich um klangpoetische Remixe.

Über Musik ohne Adjektive sprechen… (Roland Barthes)

Die vorliegenden musikalischen Kompositionen verbinden sich dabei mit den ausgewählten Gedichten auf eine besondere, vielschichtige Weise. In GEDICHTERBE drückt sich eine dynamische Kulturkonzeption aus; AGF betreibt quasi künstlerische Hermeneutik: sie interpretiert historische Texte mit künstlerischen Mitteln – aus streng zeitgenössischer Perspektive. AGF betreibt also künstlerische Forschung, einerseits ergründet sie die Sprache und ihre Bedeutungsfelder, andererseits widmet sie sich der Erforschung digitaler Technologien mittels musikalischer Kompositionen und deren Konfrontation mit menschlicher Sprache und dem Sprechen. AGF spricht so mit Musik über Poesie und verwischt die Grenzen von Text und Sound: sie begreift Musik als Lyrik, Lyrik als Sound, und ihre Stimme als Instrument.

AGF ist immer auf der Suche nach Sound- und nach Sprachinnovationen, dabei beschränkt sie sich aber nicht auf das Avantgardeprinzip, selbstreferenziell mit Kunst auf Kunst zu reflektieren, sondern reflektiert, durchaus im Sinne des Pop, das Weltliche. Antye Greie aka AGF ist Sound-Poetin, digital Singer und Songwriterin, Musikproduzentin, Performance- und Medienkünstlerin. Sie verbindet in ihrer Arbeit Sprache, Poesie und Gesang mit elektronischer Musik. Musikalisch rigoros modern, mit anspruchsvoller Cut-Up-Ästhetik, immer mit Bezügen zur Clubmusik, aber weit entfernt vom Easy Listening des Populären, werden die oft roughen, digitalen, repetitiven Kompositionen durch den Einsatz ihrer und anderer Stimmen weich und menschlich. Die Ästhetik des Maschinell-Digitalen trifft auf den menschlich- körperlichen Geno-Gesang (Barthes), in dem die Bedeutungen aus dem Inneren der Sprache selbst, aus ihrer Materialität entstehen. Es ist das spezifische Interesse an der Verbindung von Sprache und Stimme, dem Abarbeiten an den Strukturen der Sprache, der entstehenden Reibung von Digitalität und Körperlichkeit, die die Soundkünstlerin und Poetin AGF interessieren. So sind in ihren Poems immer auch Geräusche des Körperlichen – sozusagen menschliche Fehler – zu hören: Atem, Füllwörter, Wortteile und abgerissene Wörter.

 

Karoline von Günderrode:
Die Männlichkeit und die Weiblichkeit, wie sie gewöhnlich genommen werden, sind Hindernisse der Menschlichkeit.

AGF:
ich selber bin geschlechtlos aufgewachsen

 

TRANSITIVITÄT

Aus der künstlerischen Ästhetik AGFs und der vertretenen Künstlerinnen spricht ein Widerstand nicht nur gegen allzu Populäres, sondern auch gegen Kulturkonservativismus und jeglich Normatives. So ist es durchaus auch als ein politisches Statement zu verstehen, dass einige Gedichte provokativ ganz ohne ihre Worte vertreten sind. Die Gedichtvertonungen von Christa Wolf (*1929) Edeltraut Eckert (1930-1955) und Heidemarie Härtl (1943-1993) sind nur in musikalischer Übersetzung präsent. Es handelt sich dabei um eine Art Kassiber, in denen sich zweierlei Botschaft verbergen: AGF (*1969) ist in der DDR, einem von der Landkarte verschwundenen Land, aufgewachsen – in einem Land, wie sie sagt, in dem es keine Meinungsfreiheit gab, aber den tiefsitzenden Wunsch sich anders auszudrücken – eben über Poesie, Verdichtung und Verschlüsselung. In der DDR gab es Codes, die als Künstlerin eingehalten werden mussten, und dieses Denken und sich Artikulieren in Chiffren hat offenbar bis heute Einfluss auf die Text- und Musikproduktionen AGFs. Damit wird die Machinenmusik, das Klingeln, die spooky Beeps aus dem All, der Rhytmus einer Atemmaschine, das in den Höhen zwingend laut werdende Fiepen in HEIDEMARIE HÄRTL und der erbarmungslose, rückwärts klingende Takt in CHRISTA WOLF zu Panoramen der Endzeit einer untergehenden Diktatur und zu Insignien dafür, dass diese DDR-Dichterinnen entweder keine Chance auf Veröffentlichungen besaßen, oder eben Staatsdichterinnen zu sein hatten. Edeltraut Eckert war bei ihrer Verhaftung zwanzig Jahre alt und verstarb nur fünfundzwanzigjährig im Arbeitslager; ihre Texte blieben lange unbekannt, und in kaum einem anderen Stück auf GEDICHTERBE wird die politische Haltung der Kuratorin und Musikerin so explizit wie in den „wortlosen Gedichten“ der vergessenen Dichterinnen der DDR.

So sind diese Audiopoems eine Art Verweis auf eine Leerstelle der Geschichte. Gleichzeitig lässt sich aus ihnen das Konzept dieser CD erschließen: Sprache und Musik ergänzen sich in idealer Weise und können füreinander einspringen. GEDICHTERBE ist ein bestes Beispiel eben dafür, wie sich Dichtung, Sprache, Deutung und Musik berühren und sich gegenseitig ineinander verwandeln…

 

AGF:
als mein heimatland verschwand
kam das internet, die rettung
fuer eine weile habe ich mich dort zurueckgezogen
und mir eine neues betriebssystem installiert

 

Tracklisting der CD: Dichter(in) / Titel des Tracks / Interpret(in)

1 Heidemarie Härtl 1943 − 1993 / Auszug aus: Die Strasse, 1986
2 Bettina von Armin 1785 − 1859 / Auf diesem Hügel Übersee ich meine Welt! / AGF
3 Anna Ritter 1865 − 1921 / Ich wollt´, ich wär des Sturmes Weib / Gudrun Gut
4 Ann Cotten 1982 / Rosa Meinung / AGF
5 Edeltraud Eckert 1930 − 1955 / Der Abschied
6 Uljana Wolf 1979 / drei bögen: bougainville / dalibor
7 Ulrike Meinhof 1934 − 1976 / Ich werde sein
8 Karoline von Günderode 1780 − 1806 / Die Töne / AGF
9 Christa Wolf 1929 / Unsernorts
10 Arthur Rimbaud 1875 − 1926 / Die Ewigkeit / AGF
11 Mascha Kaléko 1907 − 1975 / Golda
12 Frau Ava 1060 − 1127 / Dü Inneren Orren / Quio
13 Marina Iwanowna Zwetajewa 1892 − 1941 / An Achmatova / TBA & AGF
14 Friedrich Schiller 1759 − 1805 / Die Macht des Gesanges / AGF
15 Ada Christen 1839 − 1901 / Champagner 1 − 3 / Ellen Allien
16 Nelly Sachs 1891 − 1970 / Israels Leib
17 Sidonia H. Zäunemann 1711 − 1740 / Entworfene Gedanken / Barbara Morgenstern
18 Else Lasker-Schüler 1869 − 1945 / Mein Liebeslied / AGF
19 Rainer Maria Rilke 1875 − 1926 / Weltinnenraum / Gina DÕOrio
20 Paul Celan 1920 − 1970 / Schwermutschnellen / AGF
21 Hermione von Preuschen 1854 − 1918 / Meerleuchten / Pyranja
22 Ina-Kathrin Schildhauer 1965 / Perlenfischer / AGF
23 Ingeborg Bachmann 1926 − 1973 / Mandelblütensyntax
24 Octavio Paz 1914 − 1998 / Nachtstück von San Ildefonso I / AGF
25 Emmy Hennings 1885 − 1948 / DadaDa
26 Paul Celan 1920 − 1970 / Mit allen Gedanken / AGF
27 Kurt Schwitters 1887 − 1948 / Diimaan / Bothnian Draale Pack
28 Else Lasker-Schüler 1869 − 1945 / Das Letzte / AGF

 

Artworks © AGF / ANTYE GREIE

www.poemproducer.com / http://antyegreie.com

Malise RosbechComment